„Sei wild … und wunderbar“ Teil 1

Free Daddy and His Little Shadow Girls at The Skate Park Creativ

… das hat Astrid Lindgren gesagt. Eine tolle Vorstellung – ja, so will man sein. Doch was bedeutet das für uns Kinderyogalehrer/innen? Ohne Frage- Kinder sind wunderbar! Sie fordern uns jedoch auch ordentlich. Besonders die „wilden“ Kinder mit einer enormen Energie, die nur schwer still und aufmerksam sein können und einen unglaublichen Bewegungsdrang haben.

Als ich meinen allerersten Kinderyogakurs abhielt, hatte ich mich lange vorbereitet und alles gut geplant. Bis in die Haarspitzen motiviert und mit der detaillierten Vorstellung einer wundervollen Yogastunde  kam ich an. Und traf direkt auf wilde, wunderbare Kinder  – die nicht im geringsten so zuhörten, mitmachten und in die Stille kamen wie ich es geplant hatte. Ich hatte von Beginn an immer 1 bis 4 „wilde“ Kinder in meinen Kursen.

Ist es eine Gabe mit „wilden“ Kindern umzugehen

die ich nicht habe? Nach immer mal wieder kehrenden Selbstzweifeln hatte ich es endlich irgendwann kapiert. Die Kinder haben mich gelehrt, dass ICH meine Vorstellung und Erwartungen einer wundervollen Yogastunde ändern muss. Was ICH als „optimale“ Stunde empfinde, ist etwas völlig anderes als das Empfinden der Kinder. Eine Kinderyogastunde kann laut sein, ganz anders verlaufen wie geplant – wenn man die Kinder im Auge behält und in zufriedende Kindergesichter sieht- dann ist es eine tolle Stunde gewesen.

Immer ein As im Ärmel

Manchmal brauchen die Kinder etwas anderes, als das was ich gerade geplant habe. Weil sie müde sind, oder einer oder mehrere ganz viel zu erzählen haben, oder weil sie gerade nicht so viel Lust haben. Für diese Fälle habe ich immer ein Spiel oder eine Geschichte dabei.

Stilleübungen

Mir ist aufgefallen, dass besonders die „wilden Kinder“ Stilleübungen sehr gerne mögen. Sie kommen zwar nicht so in die Stille wie man sich das vorstellt, da kommen schon mal Schnarchgeräusche, Pupsgeräusche, Kommentare…… und trotzdem ist zu beobachten, dass sie sich auf ihre Art darauf einlassen können.

Wenn es während der Yogastunde zu „energiegeladen“ wird, lege ich eine kurze Stilleübung ein, die so geht: Alle Kinder legen sich hin, die Klangschale wird angeschlagen und die Kinder bleiben so lange sie den Ton hören liegen, setzen sich auf sobald sie nichts mehr hören. Das klappt super- als hätte die Klangschale eine besondere Gabe.

Ich glaube es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit „wilden Kindern“. Man muss sehr genau hinsehen und die Stunde flexibel gestalten. Dieses Thema beschäftigt mich schon lange und  interessiert mich sehr. Deshalb habe ich bei anderen nachgefragt:

Wie geht ihr mit „wilden Kids“ um ?

Vielen Dank Ihr Lieben, dass ihr euch die Zeit genommen habt, einen Beitrag für dieses wichtige Thema zu schreiben.

Andrea von Kinderyogaberlin:

Wilde Kids beim Kinderyoga

Ich habe da auch kein Patentrezept, denn sicherlich muss man immer die jeweilige Situation berücksichtigen. Und die Frage: Ist es nur EIN Kind, das gerade sehr wild ist – oder sind es gleich mehrere? Bei einem Kind versuche ich, herauszufinden, was bei diesem gerade passiert. Oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass hier Berührungen Wunder wirken. Ich hatte einmal einen Jungen im Kurs, der war stets sehr bewegt und hat am Unterricht nicht teilgenommen. Diesen habe ich neben mich positioniert und ihn während meiner Ansprachen am Unterschenkel berührt. Teilweise hat er auch die Asana-Praxis nicht mitgemacht – was ok war. Schnell hat sich ergeben, dass er durch Anfassen fast sofort ruhiger wurde. Natürlich ist ein solches Aufmerksamkeits-Teilen auch auf Dauer anstrengend…

Berührungen wirken natürlich nicht bei jedem Kind. Manche Kinder finden dies eher unangenehm. Wenn die Gruppe insgesamt sehr wild ist, schiebe ich ein wildes, auspowerndes Spiel ein. Und stelle den Kids danach die Klangschale auf den Rücken/die Unterschenkel.

Steigen viele Kinder wild aus der Gruppe aus, halte ich ein und frage sie, was wir gemeinsam machen wollen, damit es nicht langweilig wird.

Wichtig ist für mich: Immer wach zu bleiben und das Verhalten nicht negativ zu bewerten.

Kerstin von Zeitblüten:

Der Weg zur perfekten Kinderyogastunde

Wer kennt das nicht – da kommt man frisch von der Weiterbildung, ist bis über beide Ohren hochmotiviert und kann es überhaupt nicht abwarten, am nächsten Tag direkt loszulegen!

Schließlich hat man ja in der Ausbildung alles notwendige Rüstzeug mitbekommen

  • gute Gründe für Kinderyoga
  • etwas Pädagogik
  • Theorie (Vertiefung) zum Thema Yoga
  • den Stundenablauf
  • Spiele zu Atem, Entspannung und Asanas
  • verschiedene Stundenbilder
  • Tipps und Tricks

Was soll da noch schief gehen?

…und dann startest du endlich deinen Yogakurs für Kinder – und irgendwie läuft anders als geplant! Nicht immer – aber immer wieder!

Denn: Theorie und Praxis liegen weiiiiiiit auseinander…..! !

Man kennt sich doch aus in der Arbeit mit Kindern…

Natürlich wusste ich als Mutter und durch meine Arbeit im Kindergarten, das bei geplanten Angeboten oder Stunden nicht immer alles rund läuft! Aber das sich der Ablauf mancher Kursstunden so sehr vom Geplanten unterscheidet – das war mir überhaupt nicht klar und ist auch während der Ausbildung so nie zur Sprache gekommen.

Klar wurde gesagt: jedes Kind ist anders! Das die Kursleitung flexibel auf Kinder und Tagesform eingehen muss….!

Ach, und wenn man im Netz von den Erfahrungsberichten und durchgeführten Stunden liest ist immer alles wun-der-bar gelaufen – eine Bereicherung für Kinder und Yogalehrer.

Ja – eine Bereicherung waren die Störenfriede in meinen Kursen für mich auch. Sie machten mir meine eigenen Grenzen deutlich – und die Grenze der 1-zu-1 Durchführung von geplanten Stundenbildern.

Was heißt Störenfriede – natürlich ist das das falsche Wort! Du weißt was ich meine: Kinder, die schon in der Begrüßungsrunde den anderen immer wieder ins Wort fallen und dazwischen quatschen. Die bei jedem Aufwärmspiel Kommentare wie „ oh nöh – voll Blöd!“ abgeben. Die, die sich permanent weigern, die Asanas mitzumachen. Die lieber die ganze Zeit durch den Raum toben. Die bei der End-Entspannung quatschen, kichern, mit den Matten ruscheln oder in wirklich ruhigen Momenten ein „Ich muss auf Klo!“ verlauten lassen – und du weißt: wenn einer muss, müssen ja plötzlich alle. (seufz)

Oder mein schlimmstes Erlebnis in einem neuen Teenie-Kurs:

KEINER machte mit! KEINER bekam die Zähne auseinander! Sie verweigerten wirklich alles: vom Aufwärmen über das Kennenlernspiel hin zu den Asanas und der Endentspannung! Von den Begrüßungs- und Abschiedsrunden gar nicht zu reden …! Ich habe an dem Nachmittag den Alleinunterhalter gegeben und wollte nach der Stunde wirklich alles hinschmeißen! Aaarghh – ich dachte nur: verdammt – warum läuft es bei anderen immer rosig und ich bin die einzige, die es nicht gebacken kriegt? Habe ich nicht richtig aufgepasst? Habe ich etwas falsch verstanden? Habe ich den falschen Job? Bin ich schlichtweg einfach zu dumm, Kinder im Yoga zu unterrichten?

Doch wie schon geschrieben – ich bin gewachsen an diesen Stunden ….. an diesen Kindern!

Was das heißt?

Ich arbeite keine kompletten Stundenbilder mehr aus – du kannst es dir hier 1.-Stunde ansehen! Ich habe Ideen im Kopf, notiere mir die in einer Exceltabelle, nehme alle notwendigen Utensilien dafür mit – und schaue, was daraus wird. Keine Zeitangabe – kein Muss – nur ein Kann!

So gibt es Stunden, da ist das Begrüßungsritual mit den Gesprächen unendlich lang! Etwas Aufregendes und Wichtiges ist im Leben der Kinder passiert und braucht Gehör!

Oder da Aufwärmspiel ist genau DAS, was die Kinder an einem Regentag am nötigsten brauchen – auspowern im Spiel! Vielleicht ist der Teil mit den Asanas heute viel zu kurz gekommen – ist das schlimm? Die End-Entspannung verlief anders als gewünscht – aber die Kinder sind glücklich …. und trotzdem entspannt.

Ja – ganz oft denke ich nach einer Kurseinheit: War das überhaupt eine Yogastunde? Oder war es mehr eine Kinder-Spiel-/Tobe-/Bastelstunde? Darf ich das Ganze überhaupt noch Kinderyoga nennen? Bin ich damit nicht eine Schande für alle wirklichen Kinderyogalehrer?

Doch je weiter ich von meinen festgesetzten Planungen abrücke und die gelaufene Stunde vor meinem Auge vorbei laufen lasse muss ich feststellen: JA – das war Yoga!

Ich habe die Kinder den Augenblick spüren lassen – das, was sie anscheinend am nötigsten brauchten. Sie haben trotzdem unter meiner Anleitung so viele neue Erfahrungen gemacht, die sie ohne mich nicht hätten machen können. Sie haben nach dem Namasté den Raum glücklicher und entspannter verlassen, als wie sie gekommen sind. JA – das war eine Yogastunde.

…und die verkorkste Teeniestunde damals? Ich hatte Glück – alle waren in der 2. Stunde wieder dabei! Hier habe ich genau andersherum gehandelt – alle Spiele, jeden Schnickschnack weggelassen! Habe die Teens wie kleine Erwachsene behandelt – und auch die Stunde so durchgeführt! Und siehe da – sie bekamen den Mund auf! Sie lobten die Asanas und gleichzeitig jammerten, wie anstrengend es wäre  ! Gemeinsam haben wir dann besprochen, was sie gerne  in ihrer Teeniestunde haben wollten! Eine Kombination war das Ergebnis: Toben und Spielen zum Aufwärmen (wie bei den Kleinen) und eine Fantasiereise zur Entspannung! Aber Atmen und Körperübungen wie im Erwachsenenkurs!

Ich bin so dankbar für jede Stunde, die anders läuft als geplant! Denn genau diese Stunden sind es, die Sorge tragen, das ich mich weiter entwickel, nicht auf der Stelle trete!

Und das Fazit dieser Geschichte?

Es gibt keine perfekte Kinderyogastunde! Oder anders gesagt: die Kinderyogastunde war dann perfekt, wenn fröhliche Kinder den Raum verlassen und im Rausgehen rufen: „Tschüss, bis nächste Woche  !“

Inzwischen bilde ich selbst Kursleiter für Kinderyoga aus. Es ist mir immer wieder wichtig darauf hinzuweisen:

Dein Stundenbild, egal ob ausführlich oder nur in Stichpunkten, ist eine rote Schnur, an der du dich langhangeln kannst. Nichts muss – alles kann! Und alles ist gut, so wie es ist!

In diesem Sinne: rück‘ ab vom perfekten Stundenbild – und deine Kursstunden werden um einiges entspannter! Für ALLE!

Ich wünsche dir viel Spaß dabei!

…bleib kraftvoll – und entspannt!

Kerstin

NAMASTÉ

Stefanie von Yogastern:

Wenn ich zu Beginn der Yogastunde merke, dass die Kinder sehr viel Energie mitgebracht haben, dann lass ich sie zur Erwärmung erst einmal einige Runden durch den Yogaraum flitzen. Danach sind sie meist bereit für die Yogaübungen. Auch zwischendrin während der Yogastunde mache ich bei großer Unruhe ein Bewegungsspiel z.B. ein Fangspiel mit Asanas, so dass die Kinder sich einerseits austoben können und andererseits auch mit den Yogaübungen zur Ruhe kommen können. So lernen sie auch den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung wunderbar. Wenn ein Kind besonders aus der Reihe tanzt oder die anderen stört, gebe ich dem Kind gerne eine Spezialaufgabe oder es darf mir assistieren und z.B. selbst für die anderen Kinder eine Yogaübung ansagen.

 

Gabriele Petrig, Kids Coach und Autorin:

Ja, die lebendigen Kinder…

Wenn ich ihnen in die Seele schaue, dann verstehe ich sehr gut, dass sie nicht stillsitzen können. Es ist ihnen fast nicht möglich, in unserer Welt das zu leben, was wir als „richtig und normal“ halten. Wir brauchen einen neuen Blick auf diese Kinder um sie zu sehen, wirklich zu sehen wie sie sind. In ihrer Tiefe, ihrer Genialität und in ihrer Schönheit.

Ich habe die „wilden“ immer neben mich gesetzt und in den Arm genommen. Richtig mit Kontakt.  Einen rechts und einen links. Meist waren es Jungs. Das gab ihnen, zumindest für eine Weile das Gefühl der Geborgenheit.

Natürlich habe ich im Laufe der Jahre auch die Erfahrung gemacht, dass ich meine Kinder-Mentaltraingsstunden wohl vorbereiten kann, jedoch dann immer spontan dem Energielevel der Kinder angepasst habe.

Inzwischen gebe ich keine Kinderkurse mehr. Ich bilde unter anderem KidsCoaches aus, was am vergangenen Wochenende für die Teilnehmerinnen ein sehr besonderes Erlebnis war. Hier geht es um die Begleitung der Kinder der neuen Zeit, die eben ganz anders sind und in ihrer Einzigartigkeit gesehen werden wollen.

Ich finde es wunderbar, dass Sie diesen Blog haben und damit sicher viele Menschen erreichen.

Die Kinder sind unsere Zukunft und sie brauchen achtsame und liebevolle Beziehungen, damit sie sich entfalten und wachsen können.


Ein wundervoller Satz zum Abschluss dieses Blogpost. Genau das ist meine Motivation diesen Artikel zu schreiben. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir alle, die mit Kindern „arbeiten“, voneinander lernen uns uns austauschen- zum Wohle der Kinder.

Ich freue mich schon sehr darauf, weitere Stimmen zu diesem Thema zu bekommen. Sie sind bereits angefragt und  werden in Teil 2 von „Wild …..und  wunderbar“ zu Wort kommen.

habt’s wundervoll

 

Bildquelle: http://piqs.de/ Fotograf: D.Sharon Pruitt , some rights reserved

1 Kommentar

  1. Pingback: Glückssterne…… | pünktchen .

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